4. Trek nach Chebisa und über Gobu La, Jhari La und Sinche La nach Limithang

Nachts hatte es Frost, aber dann scheint die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Bevor wir uns auf den Weg machen, zeige ich noch ein paar Yoga-Übungen zum Lockern der Schultern, sogar unser Führer macht mit. Wir steigen in der Sonne hinauf zu einem Chörten mit Foto-Panorama, im Hintergrund Tsering Kang und der Lingshi Dzong. Gestern abend meinte Yeshi schon, es gäbe bei dem Dzong ‚nothing to see‘, er sei bei einem Erdbeben vor einigen Jahren zerstört worden. Nun ist Yeshi uns voraus schon auf dem Weg unterhalb des Dzong weitergegangen, wir sind uns jedoch einig, daß wir die vielleicht hundert Höhenmeter noch hinaufsteigen und die Ruine besichtigen wollen.  Es lohnt sich – alleine die Aussicht ist fantastisch, und wir alle genießen die Stille und Besonderheit des Ortes.
Dann steigen wir ab nach Lingshi, einer eher charmfreien Ansammlung einiger vom Erdbeben beschädigten Häuser, Neubauten, einem UNESCO-Zelt und einer Schule. Schon am Dorfeingang an einem Bach empfängt uns die Müllkippe des Dorfes…
Auf dem Weiterweg begegnen wir einer Gruppe von Arbeiter und Arbeiterinnen, die mit Hacke und Schaufel den Weg verbreitern, was ihn momentan nur noch staubiger macht. Es kommt uns eine Pferde-Karawane, beladen mit Brennholz, entgegen – das kommt von weiter her, hier gibt es keine Bäume, nur Rhododendron-Gebüsch. Auf dem Weiterweg müssen wir erstmal einige dösende Yaks vom Weg vertreiben, um weitergehen zu können. Wir gehen an einer wassergetriebenen Gebetsmühle vorbei und kommen zu einem Dorf, das vor eindrucksvollen Bergwänden im Tal eingebettet ist. Am Ortseingang ist ein Gruppe Arbeiter dabei, den Weg zu verbreitern.

Hier im Dorf wollen wir eigentlich im Freien Mittagessen, aber der Wind bläst so eisig, daß unser Führer uns in eines der Häuser bittet (gegen eine kleine Spende), wo wir dann geschützt essen, nachdem wir erstmal viele Fotos gemacht haben mit den Damen des Hauses und der für uns ungewöhnlichen Ausstattung des Raumes, große bunt bemalte Schränke mit vielen Töpfen und Fernseher drauf, Bilder des Königs und Mandalas an der Wand, in der Mitte des Raumes ein Bollerofen. Diese Farbenfreude ist ein großer Kontrast zu der kargen weiten Landschaft draußen.
Frisch gestärkt treten wir den Weiterweg an, sanft steigend, zum nächsten Ort Chebisa, der Paß Gom Yu dazwischen ist nicht sehr ausgeprägt. In Chebisa dürfen wir in einem dieser wunderschönen Häuser im Altarraum übernachten, der sehr alte Chef des Hauses ist dauernd an unserer Seite und beobachtet alles – will er unsere Ausrüstung checken oder nur schauen, daß wir nix kaputtmachen? Im Vorraum hängen Fleischstücke zum Trocknen über einer Leine, ein feines Düftchen liegt in der Luft…


Wir beide machen nachmittags noch einen ausgedehnten Dorfspaziergang entlang eines heiligen Haines mit sehr alten, gebetsfahnengeschmückten Bäumen an einem Wasserfall entlang, dann weiter über einen alten Handelsweg in ein Hochtal, das nach Tibet führt – leider nicht für uns. Wie wir erfahren, dürfen die Einheimischen lokalen Handel (oder Schmuggel) mit Tibet/China führen, für uns ist die Grenze gesperrt. Wir schauen noch bei 2 Baustellen zu, wie die Handwerker in alter Tradition weitere Häuser bauen.

Von unserem Führer erfahren wir auch die Ursache des offensichtlichen Reichtums – Cordyzeps, ein altes traditionelles Heilmittel der chinesischen Medizin, das die Menschen schon immer genutzt haben, aber das durch den steigenden Wohlstand in China und gestiegene Nachfrage nun Raubbau-mäßig geerntet wird. Damit läßt sich sehr viel Geld verdienen. Es handelt sich dabei um die Raupe eines Schmetterlings, die in der Erde der Hochalmen auf über 4000 Metern abgelegt wird und dann dort von einem Pilz befallen wird. Dabei sieht es aus wie ein kurzer Grashalm, der leicht vibriert und dadurch gefunden werden kann. Eigentlich gibt es Kontingente für die lokalen Bergbewohner, die ernten dürfen, aber zur Saison strömen auch viele andere hinauf und durchwühlen den sensiblen Boden der Hochalmen, der sich auf diesen Höhen nicht mehr regeneriert und dadurch erodiert. Dazu kommen die viel zu vielen Yaks und Pferde (durch den wachsenden Wohlstand, der vom Cordyzeps-Handel kommt), die die Almen völlig überweiden. Nun, für uns ist Bhutan auf den zweiten, genaueren Blick nicht mehr das gepriesene Land, in dem noch alles ökologische Idylle und in Ordnung ist.
Wir nutzen unseren Schlafraum, wo wir vom üblichen Wind geschützt sind und lassen uns eine Schüssel warmes Wasser bringen für eine ausgiebigere Wäsche, aber der neugierige Alte kommt dauernd irgendetwas rumkruschteln…. Außerdem werden hier mal wieder alle elektronischen Geräte geladen, es gibt Strom, dank der schönen Stromleitung entlang unseres Treks…


Wir schlafen gut – trotz der vielen Hunde des Dorfes – unter dem bunten üppigen Baldachin im Altarraum, wo früh-morgens die Dame des Hauses ihre tägliche Zeremonie abhält, wir liegen daneben in unseren Schlafsäcken. Aber es ist anscheinend üblich, hier Reisende (auch die lokalen Pferdekarawanen-Begleiter) schlafen zu lassen. Am nächsten Morgen führt uns der Weg oberhalb des Dorfes bergan zu unserem nächsten Paß Gobul La. Unterwegs werden wir wieder von unserer Pferde-Karawane überholt.

Der Paß mit angenehmen 4.440 Metern Höhe bietet Blicke auf den gewaltigen Tsering Kang, dann auf der anderen Seite Blick auf die verschneiten Tiger Mountains. In unserem Lager Shomuthang im Tal erwartet uns der Koch mit Pommes Frites – fantastisch!!! Danach stehen wir noch am Lagerfeuer, plaudern und bewundern den Sternhimmel.


Am nächsten Tag geht es nach kalter Nacht mit Rauhreif am Lagerplatz über den Jhari La mit 4.820m, Anstieg von 500 Höhenmeter, den wir ganz entspannt hinter uns bringen. Weil die Aussicht so grandios ist, steigen wir beide noch weiter den Grat entlang auf einen benachbarten Aussichtspunkt, die anderen machen im Windschutz etwas weiter unten Siesta in der Sonne.
Der Abstieg führt uns in einen Märchenwald mit hohen Hemlock-Tannen und Rhododendron Bäumen und Büschen, viele verschiedene Sorten, leider noch keine Blüten. Hier sehen wir einen Blutbrust-Fasan, der leider sehr schnell im undurchdringlichen Dickicht verschwindet. Wir erreichen ein weites Flußtal, beim Überqueren der dünnen Stämme, die als Brücke dienen, rutscht Jo aus, zum Glück wird nur der Rucksack unten etwas naß und schlammig. Nach 150 Meter nochmaligem Aufstieg erreichen wir unser Lager Roluthang auf einer Schulter mit wunderbarem Blick über das weite Flußtal, dahinter liegt Tibet – nicht weit, aber für uns unerreichbar. Im Lager machen wir bei Graupelschauer Siesta im Zelt.


Der folgende Tag ist ‚Gipfeltag‘, wir gehen unseren höchsten, 5.005 Meter hohen Paß an. Leider hängen die Wolken tief und lassen nur wenig Bergblick frei. Der Weg durch ein Hochtal ist lang und mühsam über holprige Steine, in der Ferne können wir die Paßhöhe des Sinche La ahnen. Unsere Gruppe zieht sich bald weit auseinander, heute hat unsere Freundin Mühe mit der Höhe. Zwischendurch gibt’s in der Pause Schokolade als Kraftnahrung. Endlich erreiche ich den Paß, Johannes hat noch auf mich gewartet, damit wir die letzten Meter und die Ankunft am Paß gemeinsam erleben. Wir verzichten darauf, noch die 200 Höhenmeter auf den benachbarten Gipfel zu steigen, denn die Berge stecken in Wolken. Immerhin ist der Aufenthalt am Paß nicht zu eisig und wir halten uns eine Weile auf, um diesen Höhepunkt der ganzen Reise zu genießen.
Der Abstieg ist steil und matschig, auf der Nordseite liegen noch Schneefelder, aus denen es taut. Wir kommen tiefer, der Weg ist weit und zieht sich. Unten im Tal gibt es dann blühende Primeln, es wird milder. Unser Lager Limithang liegt idyllisch auf einer weiten Wiese an einem wilden Gebirgsfluß, durch den bald viele Yaks getrieben werden, die haben fast alle Kleine dabei – die armen müssen schon durch den strömenden Fluss. Dann ziehen sie alle mitten durch unser Lager, ich liege im Zelt und schaue zu.

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: